Gedenkstätten als Klassenzimmer – künftige NRW-Lehrkräfte an Orten der NS-Geschichte

NRW-Bildung | 05.07.2026. Gedenkstätten werden nun noch häufiger als Klassenzimmer genutzt: NRW schickt künftige Lehrkräfte an Orte der NS-Geschichte. Was das genau bedeutet und worauf die Aktivitäten abzielen, wird in diesem Artikel genauer erklärt.

Ein altes Fahrrad, eine Fluchtgeschichte, ein Museum in Dorsten: So kann Geschichtsunterricht aussehen, bevor er überhaupt im Klassenzimmer beginnt. Für angehende Lehrkräfte in Nordrhein-Westfalen wird der Besuch an Gedenkstätten jetzt fester Teil der Ausbildung. Was steckt hinter dem neuen Programm, und warum betrifft das auch Familien im ganzen Land?

Gedenkstätten als Klassenzimmer – die Hintergründe

Wer Kindern erklären soll, was während des Nationalsozialismus geschah, braucht mehr als ein Lehrbuch. Genau hier setzt ein neues Programm des NRW-Schulministeriums an.

Angehende Lehrerinnen und Lehrer besuchen künftig gezielt Gedenkstätten und Erinnerungsorte im Land. Die ersten Fahrten haben bereits stattgefunden, begleitet von Schulministerin Dorothee Feller persönlich.

Damit rückt ein Thema in den Fokus, das viele Schulen seit Jahren beschäftigt: Wie lässt sich Erinnerungskultur so vermitteln, dass sie bei jungen Menschen wirklich ankommt? Der folgende Artikel schaut genauer hin.

Was hinter dem neuen Ausbildungsprogramm steckt

Das Ministerium für Schule und Bildung hat gemeinsam mit dem Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung ein Programm gestartet, das allen angehenden Lehrkräften in NRW Fahrten zu NS-Gedenkstätten ermöglicht.

Organisiert werden diese Fahrten über die Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung im ganzen Land. Für Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter wird der Besuch damit zu einem festen Baustein ihrer Ausbildung.

Gedenkstätten als Klassenzimmer – erster Besuch als Startschuss

Den Auftakt machten rund 80 angehende Grundschullehrkräfte aus Gelsenkirchen. Sie besuchten das Jüdische Museum Westfalen in Dorsten und anschließend den Geschichtsort Humberghaus in Hamminkeln-Dingden.

Schulministerin Feller begleitete die Gruppe an beiden Stationen. Vor Ort trafen die angehenden Lehrkräfte auch Judith Neuwald-Tasbach, deren Eltern die Shoah überlebten.

Ein Ort mit besonderer Geschichte

Im Humberghaus erfuhren die Teilnehmenden, wie die jüdische Familie Humberg unter der NS-Herrschaft verfolgt wurde. Ein altes Fahrrad im Haus erinnert an die Flucht eines Familienmitglieds in die Niederlande.

Solche konkreten Geschichten sollen die abstrakte Vergangenheit greifbar machen. Genau das ist der Kern des pädagogischen Ansatzes.

Warum das Land jetzt gezielt investiert

Für die Bildungsfahrten stellt das Land jährlich bis zu 500.000 Euro bereit. Damit sollen künftig alle Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter in NRW Zugang zu den Erinnerungsorten erhalten, nicht nur einzelne Gruppen.

Die Landesregierung begründet den Schritt mit einer klaren Haltung. Ministerin Feller betonte, die Erinnerung an das Gestern verpflichte zur Verantwortung für das Morgen. Bestrebungen, die Erinnerungskultur infrage zu stellen, wolle man entschieden entgegentreten.

Auch das Schulgesetz verpflichte dazu, Kinder im Geist von Demokratie und Freiheit zu erziehen. Dieser Auftrag soll künftig noch fester in der Lehrkräfteausbildung verankert sein.

Landesweites Netzwerk an Erinnerungsorten

Insgesamt beteiligen sich mehr als 30 Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Nordrhein-Westfalen an dem Programm.

Sie sind über das ganze Land verteilt, von Dorsten bis in andere Regionen. Das schafft für die Ausbildungszentren die Möglichkeit, Fahrten in überschaubarer Entfernung zu organisieren.

Was das für Schulen und Familien in NRW bedeutet

Für Eltern und Schülerinnen und Schüler ist die Nachricht zunächst indirekt spürbar. Wer künftig eine Lehrkraft aus NRW vor der Klasse stehen hat, trifft mit größerer Wahrscheinlichkeit auf jemanden, der einen Gedenkort selbst besucht hat. Genau darauf zielt das Programm ab.

Das Argument der Landesregierung: Wer selbst berührt wurde, kann auch im Klassenzimmer glaubwürdiger vermitteln. Angesichts wachsender Debatten über Antisemitismus und Geschichtsvergessenheit soll das ein wichtiger Baustein sein.

Die praktische Umsetzung liegt bei den Ausbildungszentren vor Ort.

Die wichtigsten Eckpunkte auf einen Blick

  • Zielgruppe: Alle angehenden Lehrkräfte in Nordrhein-Westfalen
  • Fördersumme: Bis zu 500.000 Euro jährlich
  • Organisation: Über die Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung
  • Beteiligte Orte: Mehr als 30 Gedenkstätten und Erinnerungsorte landesweit
  • Verantwortliche Ministerien: Schulministerium und Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung

Gedenkstätten als Klassenzimmer – Programm in der Praxis

Die Fahrten sind kein einmaliges Ereignis, sondern sollen dauerhaft Teil des Vorbereitungsdienstes werden. Für die angehenden Lehrkräfte bedeutet das eine feste Station während ihrer Ausbildungszeit. Die konkrete Umsetzung unterscheidet sich je nach Region und Gedenkstätte.

Ablauf am Beispiel Dorsten und Hamminkeln

  • Museumsbesuch: Einführung ins Jüdische Museum Westfalen mit historischem Kontext.
  • Zeitzeugengespräch: Austausch mit Angehörigen von Holocaust-Überlebenden vor Ort.
  • Ortsbesuch Humberghaus: Einblick in das Schicksal einer verfolgten Familie direkt am historischen Gebäude.
  • Reflexion mit Ministerin: Gespräch über die Übertragung des Erlebten in den späteren Unterricht.

Diese Mischung aus Fakten, persönlichen Geschichten und direktem Ortsbezug soll den Unterschied machen. Reine Lehrbuchvermittlung gilt vielen Bildungsexperten als zu abstrakt. Das neue Programm setzt bewusst auf erlebbare Geschichte.

Ein Blick über NRW hinaus

Auch andere Bundesländer setzen zunehmend auf Gedenkstättenfahrten für Lehrkräfte, allerdings werden diese selten so systematisch gefördert.

Die Kombination aus verpflichtendem Charakter und dauerhafter Finanzierung ist damit ein Unterscheidungsmerkmal von NRW. Klar ist: Das Thema bleibt politisch sensibel und wird in den kommenden Jahren weiter beobachtet werden.

Wie gut die Wirkung solcher Fahrten tatsächlich im Klassenzimmer ankommt, lässt sich erst mit etwas Abstand und nach entsprechenden Erhebungen beurteilen. Genau das macht das Programm zu einem Vorhaben mit Langzeitperspektive.

Gedenkstätten als Klassenzimmer – Fazit

Ein Förderprogramm allein macht noch keine gute Lehrkraft. Aber es verschiebt den Ausgangspunkt: weg vom reinen Fakten-Pauken, hin zu echten Begegnungen mit Geschichte. Das ist ein Unterschied, der sich später im Unterricht bemerkbar machen kann.

Wichtig wird sein, dass aus dem Pflichtbesuch keine Häkchen-Übung wird. Gedenkstättenfahrten wirken nur, wenn Raum für echte Auseinandersetzung bleibt, nicht für einen abgehakten Programmpunkt. Genau darauf sollten Schulen und Ausbildungszentren in den kommenden Jahren besonders achten.

NRW hat mit diesem Schritt eine klare Haltung gezeigt, gerade in Zeiten wachsender Debatten um Erinnerungskultur. Ob diese Haltung auch im Schulalltag ankommt, entscheidet sich nicht im Ministerium, sondern in den Klassenzimmern selbst.

Quellen: Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen, Juli 2026; Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen, Juli 2026

Bildquelle: Bruna Santos / Pexels

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